Jeder muss essen!

Gloomhaven.

Die Stadt meines Wurfs.

Die Stadt, in der alles anfängt.

Und die Stadt, in der alles endet.

Skisqueek Frosthauch ist mein Name, und ich bin eine Ratze. Keine normale Ratze, sonst hättet Ihr kaum von mir gehört.
Mein Wurf kam in Gloomhaven auf die Welt, und schnell trennten sich die Leben derer, die das Potential zum Leben hatten, und derer, die nur als Futter taugten. Mir hat das Schicksal die Aufgabe übertragen, zu überleben. Und darauf hat es mich vorbereitet. Im Gegensatz zu meinen wertlosen Geschwistern, die von den Wundern der Welt nichts spürten, weil ihre Gehirne klein und verkümmert waren, habe ich die Umgebung mit anderen Augen – und Sinnen – wahrgenommen.

Ich bin eine Gedankendiebin.

Als die anderen merkten, dass ich anders war, haben Sie mich verstoßen. Und versucht, mich zu töten. Denn alles, was diese mickrigen Gehirne nicht verstehen – und das ist eine Menge – muss sterben. So musste ich allein in den Kanälen von Gloomhaven überleben.

Und ich habe überlebt. Die Geschichte des restlichen Wurfs dagegen endet. Sie waren mir nicht gewachsen.

Ausgestoßen von den Ratzen, verachtet von den Menschen, alle anderen irgendwo dazwischen, habe ich gelernt, mich mit den Bewohnern von Gloomhaven zu arrangieren: sie lassen mich zufrieden, und ich töte Sie nicht.
Und so kam es, dass ich wieder einmal im „Schlafenden Löwen“ eine der guten Fleischtaschen mit reichlich Ratzenfleisch essen wollte. Überfüllt wie immer gab es dort keinen freien Tisch mehr.
Doch ich bin eine Ratze, und eine Gedankendiebin.
Schnell hat sich durch Geisterhand ein Tisch geleert, an dem ich mich niederließ. Und im Handumdrehen bekam ich von Ali, dem fremdländischen Inhaber des „Schlafenden Löwen“, mein Standardgericht „Ohne Grünzeug mit Scharf“.

Kurz habe ich noch einen Gedanken an den Inhalt der Fleischtasche verschwendet, verwundert wie immer, das meine Art so gut schmeckt, dann biß ich hinein. „Irgendwas Anderes muss noch in der Soße sein, der Geschmack ist einzigartig…“ Ich hatte den Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, da passierte es.
Ein Inox setze sich neben mich! An meinen Tisch! Ich habe Ihn finster angestarrt, ja, sogar meine mentalen Kräfte auf ihn angewandt, aber er hat nicht reagiert.

Vermutlich, weil man ein Mindestmaß an Verstand haben muss, um für Geisteskräfte empfänglich zu sein.

Es mussten also handfestere Lösungen gefunden werden, von denen jedoch alle in irgendeiner Art und Weise mit meinem Giftdolch zu tun hatten. Aber darum wollte ich mich erst nach meiner Fleischtasche kümmern. Nichts sollte mir den Geschmack verderben, also konnte dieses Problem noch ein paar Minuten sein trübes Leben fristen. Immerhin roch er gut und war gepflegt.

Hätte ich bloß früher gehandelt. Dann hätte auch diese Geschichte geendet. Stattdessen habe ich nur an das Essen gedacht. Und so geht die Geschichte weiter.

Kaum drei Bissen später setzte sich noch ein weiblicher Mensch daneben. Ein Mensch! Die schlimmsten von allen! Aufgeblasen, egozentrisch und arrogant! Ich bekam keinen Bissen mehr hinunter, ich war wie gelähmt angesichts dieser Frechheit. Dabei wollte ich doch nur in Ruhe meine Fleischtasche genießen und danach wieder in der Kanalisation verschwinden. Stattdessen saß ich eingekeilt zwischen dem Inox und der Frau.

Ihr könnt euch denken, wie es weiterging. Genau. Es wurde schlimmer. Und schlimmer. Und noch schlimmer.

Ein vollkommen überdrehter Quatryl kam als nächstes durch die Tür und sah sich um. Ich dachte, er suche vielleicht etwas, das er in die Luft sprengen könnte, und ich habe mich schon nach einem Ausgang für eine schnelle Flucht umgesehen, als er zu meinem – oder jetzt schon unserem? – Tisch kam und sich ebenfalls setzte.

So konnte das nicht weitergehen. Ich machte mich gerade auf, meinen Dolch zu ziehen und ihn dem verdammten Menschenweib in den Rücken zu stechen, als… ja, ihr ratet richtig: Es gesellte sich noch eine Frau dazu.
Sollte das denn gar kein Ende nehmen?

„Hey, ihr da, ihr seht aus wie eine erfahrene Abenteurergruppe, ich benötige eure Hilfe. Ihr sollt wen für mich im Schwarzgrab umbringen!“ So oder so ähnlich waren Ihre Worte, die Ihr unvermittelt aus dem Mund sprudelten, und ich hielt inne. Und setzte mich wieder. Und hörte zu. Und aß meine mittlerweile kalte, aber immer noch hervorragende Fleischtasche.

So kam es, dass ich mich, gefolgt von den dreien – einem dämlichen Inox, dem verdammten Menschen, und einem Quatryl, der die drei hoffentlich irgendwann in eine Paralleldimension teleportieren würde – auf den Weg ins Schwarzgrab machte. Scheinbar dachten sie, die Ansprache hätte uns allen gegolten und nicht nur mir. Aber es war mir egal. Solange egal, wie sie mir nicht im Weg stehen würden. Wie die drei hießen? Keine Ahnung. Es hat mich zu dem Zeitpunkt auch nicht interessiert. Es ging ums Geschäft. Und wer weiß, vielleicht fände ich unterwegs noch ein paar meiner Art, derer ich mich annehmen könnte…

Wie die Geschichte endet? Blutig.
Doch erst kam das Schwarzgrab.

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